Ilona Kálnoky

Ilona Kàlnoky entwickelt seit längerem Arbeiten, die sie mit dem Begriff  `substantial sculptures´ beschreibt. Die Künstlerin fügt der für sie wichtigen Thematik der Raumwahrnehmung eine weitere Komponente bei, die der emotionalen Ebene. Dabei gilt ihr Interesse dem Umgang mit Material, mit dem die Künstlerin ein „Leibgefühl“ verbindet. Sie formt Kugeln aus Gips, wirft sie gegen die Wand, schnürt sie zusammen oder gießt Wachs in Formen. Jede Aktion oder Vermischung unterschiedlicher Materialien soll im Betrachter andere Empfindungen provozieren. Die verunsichernde, bestätigende oder auch beruhigende Wirkung ihrer Werke sollen die Sinne des Betrachters anregen, seine Sensoren zu sensibilisieren und vor Abstumpfung zu bewahren. Der Prozess soll fragend nachvollzogen werden; so nähert man sich, dank des naturgegebenen Materials, dem Selbstverständnis seines eigenen Körpers, das in einer selbst-bewussten Körperlichkeit – im „Leibsein“ – mündet. Schon Ernst Blochs Satz charakterisierte diesen Prozess: „Ich bin, aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“
(Ausschnitt aus einem Text)
                                                                                                                     Dr. Christina Rosnersky, Kunsthistorikerin

 

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Geste

"Meine Skulpturen und Objekte entstehen durch die Begegnung
von Leib und Raum. Sie befassen sich mit deren Beziehung. Ich
verwende den Begriff 'Leib', da dieser auch den emotionalen Teil
des Betrachters mit einbezieht."

                                                                          Ilona Kálnoky

Ilona Kálnokys Skulpturen lenken die Wahrnehmung auf eine intime Zwiesprache mit dem Raum. Die Materialien ihre dreidimensionalen Elemente und die Struktur ihrer Gesten vermitteln den Eindruck von lebendigen Raumkörpern im Wechselspiel von Licht und Form. Ihre Plastizität entwickelt sie sowohl vertikal wie horizontal mit Werkstoffen wie Acrylglas, Gips, Modelliermasse, Wachs, Schaumstoff, Schnüren und Papier, mit Edelstahl, Messing oder Aluminium, Spiegel und Holz.

Kálnokys empfindsame Behandlung der Oberflächen erzeugt die physische Anmutung weicher und harter Raumkörper. Plastik und Physis verschmelzen darin zu Assoziationen von Enge und Weite, von Fließen und Starre, von Geborgenheit und Entfremdung.

Die so entstehenden materialen Formen begreift die Künstlerin  als Leib. Die verwandten Materialien gerinnen zu Leibern in Gestalt und Geste: als Wurfrelief, als feuchte Gipsmasse an die Wand geworfen und dort eingetrocknet, bis sich der Wandwurf aus der Vertikale löst. Wie zum Fossil erstarrt, verleiht diese Technik Kálnokys Objekten einen fast vegetativen Charakter. Sie verändert die materielle Oberfläche, wenn sie eine oder mehrere Kugeln wie im Schnürkorsett mithilfe eines straffen Mieders aus gedrehten Kordeln in geometrische Muster bindet und damit deren Plastizität als geschnürte Körper steigert.

Damit gelingt ihr auf feminine Weise, Körperlichkeit als Kraft im Zustand der sprengung, als Schmerz im geballten Aufquellen von Materie zu versinnbildlichen. Wie im Wandel pflanzlicher Mutation erscheint die Plastik gleichsam gebannt.

Ilona Kálnoky spielt gern mit Verformungen und Aufbauten: sie er-zeugt die Transparenz von schwebender Festigkeit mithilfe von Kugeln, die sie als Ballast zwischen Scheiben aus Plexiglas einlegt und diese zu Türmen aufschichtet. Ein anderer Turm aus weichen Kugeln, die durch das Eigengewicht zu platten Fladen werden, wächst wie ein geschichteter Knollenstock empor. Ihre Skulptur entfaltet architektonische Wirkung, wenn sie elastische Holzleisten zu Bögen zwischen Boden und Decke eines Raumes spannt. Die entstandenen Bogenschnitte zerlegen den gebauten im vorhandenen Raum in rhytmische Segmente. Je nach architektonischem Mantel verwandeln sie ihn mit leichter eleganz zum gotischen Bogengang.
                                                                                                                     Marie-Louise von Plessen

 

Gesture

"My sculptures and objects emerge through the encounter of
body and space. They are concerned with the relationship
between these two. I use the term 'body' because it includes
the emotional aspect of the viewer."

                                                                      Ilona Kálnoky

Ilona Kálnoky's sculptures guide our perception towards an intimate dialogue with space. The materials of her three-dimensional elements and the structure of her gestures convey the impression of living spacial objects in an interplay of light and form. She develops their plasticity both horizontally and vertically with materials such as acrylic glass, plaster, modelling clay, wax, plastic foam, string and paper, with stainless steel, brass or aluminium, mirrors and wood.

Kálnoky's sensitive treatment of the surfaces produces the physical impression of hard and soft spatial objects; plastic and physical aspects merge into associations of constriction and amplitude, flow and rigidity, security and alienation.

The artist sees the resultant material forms as body. The related materials coagulate into bodies in form and gesture - as a thrown releif, a damp plaster mass thrown at the wall and left there to dry until the wall-throw detaches itself to the vertical. Solidified like a fossil, these objects appear almost as though from the vegetable world. Kálnoky alters the surface of the material by using a tight corset of twisted cords to attach one or more balls to it in a geometric pattern, thus enhancing the plasticity of the objects as bound bodies.

Thus in a feminine manner, she manages to symbolise corporeality as a force in an explosive state, as pain in the concentrated swelling of material. The sculpture appears as though fixed in a state of plant mutation.

Ilona Kálnoky likes to play around with distortion and development, achieving a transparency of floating solidity with the aid of balls laid as ballast between sheeds of Plexiglas and piled up. A further pile, of soft balls flattened by their own weight, rises like a tuberous plant. Her sculpture develops an architectural effect when she fixes elastic strips of wood to form arcs between floor  and ceiling of a room. The resultant arc-sections divide the structure in the room into rythmic segments. Depending on the architectural shell, they transform it, with easy elegance into a Gothic arcade.
                                                                                                                     Marie-Louise von Plessen
                                                                                                              Translation: Gail Schamberger

aus dem Katalog der Galerie im Traklhaus, 2008

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Eine neue Werkreihe von Ilona Kalnoky besteht aus gebogenen und durch Verschnürungen in Spannung gehaltenen Edelstahlplatten. Diese sehr dünnen, hochgradig reflektierenden Platten werden zunächst an den Rändern in gleichbleibendem Rhythmus eingekerbt oder gelocht und dann zu bogen- oder S-förmigen Figuren gekrümmt. Die hohe Elastizität der Platten würde sie sofort wieder zur Fläche zurückschnellen lassen, würden sie nicht gehalten und in der gewünschten Form verschnürt. Die Verschnürung erfolgt nicht nach einem vorkalkulierten System, sondern ist Ergebnis eines erprobenden Prozesses, dessen Endform nicht von vornherein feststeht. So ergeben sich unregelmäßige Überschneidungen der Schnüre, räumliche Verdrehungen, mehr oder wenigen dichte Gitterstrukturen, gerade gespannte oder geschwungene Schnurverläufe, glattes Aufliegen auf dem Stahl oder freier Verlauf im Raum, Gitterverdichtungen und freigelassene Stahlflächen, also eine Vielfalt an formalen Möglichkeiten der Interaktion von Stahlplatte und Schnur. Da die Eigenspannung der dünnen Platten nur gering ist, bleibt die Verspannung relativ locker, nicht stramm unter großer Spannung, eher labil, wie jederzeit veränderbar. Dennoch ist sie absolut notwendig und der eigentliche Formfaktor, ohne den die räumlich geformte Platte stets zur Fläche zurückkehren müßte.

Nun erst, in räumlicher Form, entfaltet die Platte eine Vielzahl an visuellen Effekten, die sie, auf die Zweidimensionalität reduziert, nicht zeigen könnte. Es entstehen konvexe und konkave Spiegelungen und Widerspiegelungen der Umgebung einschließlich des Betrachters selbst, mit oder ohne aufliegender Netzstruktur, sowie zusätzliche Spiegelungen des vor einer konkaven Biegung verlaufenden Netzes, die zudem noch durch dieses hindurch gesehen werden und sich dadurch vervielfachen. Allein schon deshalb geht die Erscheinung weit über bloße Zerrspiegeleffekte aus dem Panoptikum hinaus. Hinzu kommt, daß in der Bewegung um das Objekt herum alles in ständiger Veränderung erscheint, wobei noch das Aufstellen oder Legen des Objekts den Blickwinkel beeinflußt. Die meist sehr einfachen und auch kaum in komplexer Weise realisierbaren räumlichen Gebilde entfalten somit höchst komplexe und kaum noch differenzierbare visuelle Erscheinungen, die überhaupt erst durch die unter Spannung gehaltene Räumlichkeit möglich werden.
                                                                                             Prof. Dr. Matthias Bleyl (Kunsthistoriker)

 

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Ausgehend von der Frage, wo ein Gegenstand anfängt Skulptur zu sein, arbeitet Ilona Kálnoky mit dem Beziehungsdreieck von Skulptur, Raum und Betrachter.

Eine Skulptur braucht einen Raum.
Eine Skulptur braucht den Betrachter.

Meine Skulpturen und Objekte entstehen durch die Begegnung von Leib und Raum. Sie befassen sich mit deren Beziehung. Ich verwende den Begriff ‚Leib’, da dieser auch den emotionalen Teil des Betrachters mit einbezieht.“ (Ilona Kálnoky)

Mit dem Umrunden, Wahrnehmen, Erkennen, Entdecken, Forschen und Fühlen nimmt der Betrachter Einfluss auf die Skulptur.
Der Betrachter erlebt den Raum.
Er erlebt die Skulptur im Raum und sich selbst im Bezug auf die Skulptur im Raum.

Für die Entwicklung ihrer Plastiken geht Ilona Kálnoky aus von einem Experiment mit Werkstoffe wie zum Beispiel Acrylglas, Gips, Modelliermasse, Schaumstoffe, Schnüre und Papier, mit Material aus der Architektur wie Edelstahl, Messing, Spiegel und Holz.
Darüber hinaus integriert sie auch die Medien Licht und Zeit.

Mich interessiert die Dimension der Zeit in den Skulpturen, die durch die Veränderung der Farbe von z.B. Schaumstoff passiert. Oder dem veränderten Lichteinfall des Tages, sowie der gezielte Einfluss von elektrischem Licht.“ (Ilona Kálnoky)

Ihre Objekte verändern sich beständig, minütlich, stündlich, jährlich. Jeder Blick auf ihre Objekte ist ein neuer Blick. Zum Beispiel ihre Arbeit „Bogen“ (2005), die für den Betrachter ein Spiel mit Durch-, Ein- und Ausblicken und zweierlei Reflexionen ist. Zum einen die Widerspiegelung der Schnüre und des Umraums auf der Oberfläche der Stahlplatte und zum anderen die Spannung zwischen Schnur und der gebogenen Platte.
Oder ihre Arbeit „Leisten“ (2006) spannt zwei Holzleisten in großen Bögen zwischen Boden und Decke eines Raumes und definiert damit einen eigenen gebauten Raum.

Neueste Projekte (die sich noch in der Entwicklung befinden) experimentieren mit Spiegeln, die immer neue Ausschnitte des Raumes in der sich reflektierenden, rotierenden Flächen zeigen.

aus dem Katalog der Galerie Heike Curtze